08.04.2012

"Die Liebe ist ein geheimnisvolles Prinzip, ihr Ende noch viel mehr. Man weiß vielleicht, warum man liebt, aber niemals, warum man nicht mehr liebt."

Zuerst hält Camille es für eine Verwechslung, als sie kurz nach dem Tod ihrer Mutter Briefe von einem Unbekannten erhält, die sie in eine längst vergangene Zeit zurückführen. Sie erzählen die Geschichte von Louis und Annie, die seit ihrer Kindheit unzertrennlich sind. Doch dann entscheidet sich Annie dazu, ihrer älteren Freundin als Leihmutter zu dienen, da diese selbst unfruchtbar ist. Als das Kind geboren ist, zerbricht die einst innige Freundschaft und schlägt in bitteren Hass um. Und auch Louis und Annies Liebe steht unter keinem guten Stern...
Camille weiß nicht recht, was sie von dieser Geschichte halten soll. Ist es nur eine kluge Taktik eines Autoren, sie als Verlegerin auf seine Geschichte aufmerksam zu machen? Oder ist die Geschichte doch von persönlicher Natur?


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Dieses Buch hat wieder einmal meinen Eindruck gefestigt, dass französische Autoren zur wundervollen Melancholie neigen. Ihre Geschichten sind poetisch, traurig, leise und handeln oft von bedrückenden, fehlgeschlagenen Liebesgeschichten. So ist es auch beim Werk von Hélène Grémillon. Sie entführt uns in das Paris von 1940, wo sich eine herzzereißende Geschichte entspinnt.

Annie, gerade einmal dreizehn Jahre alt, findet in der wohlhabenden Madame M. ihre beste Freundin; bei ihr lebt sie auf, kann ihre Leidenschaft für die Malerei ausleben und fühlt sich verstanden. Doch über die alles einnehmende Freundschaft vergisst sie ihre Beziehung zu Louis, obwohl die beiden immer als unzertrennlich galten und er sie schon liebt, seit er denken kann. Erst Jahre später soll Louis von Annie erfahren, was in jenem Jahr 1940 geschehen ist: wie Annie sich vom Mann ihrer Freundin hat schwängern lassen, um ihr Kind auszutragen, da sie selbst unfruchtbar ist. Und wie Madame M. sie schließlich verstoßen und vor die Tür gesetzt hat, als das Kind da war und sie fortan aus ihrem Leben verbannt hat. Louis, der Annie trotz allem nie aufgegeben hat, ahnt jedoch nicht die ganze Wahrheit...

All dies erfährt Camille aus den mysteriösen Briefen eines Fremden. Sie hat gerade ihre Mutter beerdigt, nachdem auch ihr Vater schon vor Jahren im Krieg gefallen ist. Und obwohl es eine sehr dramatische Geschichte ist, die sich ihr jeden Dienstag mit dem Eintreffen eines neuen Briefes weiter enthüllt, findet sie in diesen Schreiben doch Trost. Als ihr der Verdacht kommt, dass die Geschichte sie persönlich betreffen könnte, geht Camille den Hinweisen nach...

"Das geheime Prinzip der Liebe" hat mich von der ersten traurigen Seite an in seinen Bann gezogen. Es verknüpft das tragische Schicksal zweier Frauen mit dem Aufleben des zweiten Weltkriegs in Frankreich. Doch hinter der Geschichte verbirgt sich sogar noch mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Das ganze Drama lässt sich nämlich erst erkennen, wenn man die letzte Seite gelesen und das Buch wieder zugeklappt hat. So hat die Geschichte tatsächlich fast schon etwas krimihaft Raffiniertes an sich und man sehnt sich wie Camille nach jedem Brief, der die wahre Geschichte langsam enthüllt. Und wenn man denkt, man hat das ganze Drama durchschaut, überrascht die Autorin den Leser und wechselt nach der Hälfte plötzlich die Erzählperspektive und zeigt die Geschichte aus einem ganz anderen Blickwinkel. Eine Geschichte, bei der es keine Gewinner gibt, bei der jeder jeden verletzt und man mit einem verlassenen Gefühl zurückbleibt. 

Hélène Grémillon offenbart mit feinem psychologischem Gespür die menschlichen Abgründe, die in jeder  der Personen lauern, schafft es aber auch, dass man für jede Figur Partei ergreift, da niemand hier nur Täter oder Opfer ist. Sie schreibt die Geschichte auf eine ganz wundervolle, poetische Art, mit traurig schöner Sprache, bei der einem jeder Satz im Ohr nachklingt. Eine Geschichte, die noch lange nachwirkt.

Das geheime Prinzip der Liebe - Hélène Grémillon
Gebundene Ausgabe: 255 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe (22. Februar 2012)
ISBN-10: 3455400965
Preis: 19,95 Euro


Willis Fazit:

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Kommentare:

  1. Danke für deinen netten Kommentar:) Ich finde deinen Blog sehr schön und bin gleich mal Leserin geworden:)

    Liebe Grüße :)

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  2. Oh, das klingt sehr schön und traurig! DAs Buch merke ich mir! Danke für deine REzi!

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  3. wow, das klingt voll und ganz nach meinem Geschmack! Danke für den Tipp!!!

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  4. Ach, das hört sich aber wirklich gut an!
    Danke für die tolle Rezi! :)
    Das Buch wandert direkt mal auf meine WuLi, auch wenn ich für's Lesen wohl in einer ganz besonderen Stimmung sein muss. Denn solch berührende Bücher liest man ja nicht einfach zwischendurch.

    lg, Steffi

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    1. Hi Steffi,

      da hast du recht, für solche Bücher muss man auch in der richtigen Stimmung sein. Wenn man gerade eh zu Tode betrübt ist, sollte man es vielleicht lieber lassen :-)

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  5. ...das Buch hört sich wunderschön an

    LG
    Karin

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