Nacht, komm! - Und niemand glaubt an deine Unschuld

21:42

"Die können mich mal!", sagte Lissy. "Das ist doch Sklaverei!" Sie standen in schwüler Sommerluft vor dem Gericht, ihre Mutter, Jung, ihr Bewährungshelfer, und die dunkelhaarige Anwältin, die sie vertreten hatte. "Ist doch wahr!", sagte sie noch mal. "Hundertzwanzig Sozialstunden, das ist ja der ganze Sommer!" 

Nachdem sich die junge Lissy einmal zu oft in Schwierigkeiten gebracht hat, erwarten sie diesen Sommer Sozialstunden im Altenheim statt Partys und Spaß. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft wird es noch schlimmer: eine junge Pflegerin wird tot aufgefunden und die vorbestrafte Lissy gerät unter Verdacht, sie ermordet zu haben. Sie hat kein Alibi, aber dafür ein stichhaltiges Motiv: sie hat sich Hals über Kopf in den Freund der Ermordeten verliebt. Aber sollte sie ausgerechnet Daniel vertrauen, der sich plötzlich merkwürdig verhält?

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"Nacht komm!" erschien mir besonders am Anfang eher wie eine Millieustudie als wie der beworbene Jugendthriller. Denn zuerst einmal macht uns Agnes Hammer mit Lissys Leben vertraut. Und das ist alles andere als perfekt:  ihr Vater ist ein obdachloser Alkoholiker, sie selbst schwänzt ständig die Schule, neigt zu Gewalttätigkeit und hat auch sonst keinerlei Perspektiven in ihrem Leben. Ihr Abgangszeugnis hat sie, doch was soll nun nach der Schule kommen? Offenbar der Knast, wenn es nach den ermittelnden Polizisten geht, denn die sind ziemlich schnell von Lissys Schuld überzeugt.

"Nacht, komm!" ist bereits das zweite Buch, in dem Lissy die Hauptrolle spielt. Ich selbst habe den Vorgänger "Herz, klopf" nicht gelesen, aber das hat meinem Verständnis für dieses Buch nicht geschadet. Lissy unterscheidet sich stark von den ganzen ach so perfekten Protagonistinnen, die ich aus anderen Büchern kenne, in ihrer Sprache und ihrem Verhalten. Gerade deshalb fand ich sie erfrischend anders und trotz ihrer "asozialen" Hintergrundgeschichte ziemlich sympathisch. Denn wie ein Zitat vom Anfang des Buches klar macht, kann nicht jedes Mädchen ein perfektes Aschenputtel sein, manche sind nun mal die bösen Schwestern, die den Prinzen trotzdem mit allen Mitteln für sich gewinnen wollen. Zu dieser Sorte Mädchen gehört Lissy.

In Daniel meint Lissy, ihren Prinzen gefunden zu haben. Doch als Leserin war er mir von Anfang an absolut unsympathisch. Kaum hat er Lissy kennengelernt, reißt er ihr auch schon die Klamotten vom Leib und meldet sich eigentlich immer nur bei ihr, wenn ihm nach Sex zumute ist. Hinter seinem Waschbrettbauch verbirgt sich nur ein aufgeblasenes Ego, das war mir sofort klar. Leider erkennt Lissy das nicht, selbst als es immer offensichtlicher wird, dass er scheinbar etwas mit dem Tod seiner Freundin zu tun hat. Daher hatte ich oftmals das Bedürfnis, Lissy einfach bei den Schultern zu packen und ihre Dummheit aus ihr rauszuschütteln.

Zwar bietet das Buch nicht den von mir erwarteten komplizierten Thriller mit allerhand Verdächtigen und Hinweisen, aber ich muss gestehen, ich habe trotzdem gebannt an den Seiten gehangen und mit Lissy mitgefiebert und mich über die Dreistheit der Polizei aufgeregt. Wer nach leichter, aber trotzdem packender Unterhaltung sucht, ist hier richtig.

Nacht, komm! - Agnes Hammer
Broschiert: 285 Seiten
Verlag: Script5 (1. September 2011)
ISBN-10: 3839001250
Preis: 12,95 Euro

Willis Fazit:



Du willst wissen, wie es ausgeht? Hier wird das Ende verraten (zum Lesen markieren):

Nele hat heimlich Schmerzmittel aus der Klinik abgezweigt und weiterverkauft. Bei einem Deal mit Chris bricht jedoch ein Streit aus und Nele stürzt vom Geländer. Philipp hat die noch lebende Nele gefunden, jedoch nicht die Polizei gerufen, was seine Schuldgefühle erklärt. Lissy fährt nach dem Debakel und dem Tod ihres Vaters mit ihrem Freundinnen nach Paris.


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1 Kommentare

  1. Hmm, jetzt bin ich unschlüssig - nachdem ich eine schlechte Rezension gelesen habe, scheinst du ja nun positiver...Ich denke, ich werde mir einfach selbst eine Meinung bilden, das Buch klingt ja auch ganz spannend. Schöne Rezension!

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