Vatermord und andere Familienvergnügen - Steve Toltz

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Ich weiß eigentlich gar nicht, wie man dieses 800 Seiten starke Buch bloß hinreichend beschreiben soll. Hätte ich nur ein Wort zur Verfügung, würde ich sagen: Familiengeschichte. Aber das würde es nicht annähernd treffen. Denn es ist so viel mehr als bloß die absolut verrückte, faszinierende, wahnwitzige Geschichte der Familie Dean.

Es beginnt damit, dass der junge Jasper im Gefängnis sitzt und ein Buch schreibt. Über sich, über seinen von allen Australiern gehassten Vater Martin, seinen Onkel Terry, der wie ein Volksheld verehrt wird und wie es alles dazu gekommen ist. Dabei startet er quasi beim Urschleim. Er erzählt, wie sich seine Großeltern kennengelernt haben, wie sein Vater als Kind jahrelang im Koma lag, und wie die Brüder aufgewachsen sind, dabei so verschieden wie Tag und Nacht.

Während sein Bruder der Goldjunge der Familie ist, sportlich, gutaussehend, von sonnigem Gemüt, wird Martin immer als seltsamer gebrechlicher Außenseiter gesehen, der seine Nase zu viel in Bücher steckt. Ein Denker, der die Menschen um ihn herum in ihrer Banalität verachtet. Um seinen großen Bruder vor den Angriffen der stärkeren Schüler zu bewahren, schließt sich Terry einer brutalen Schlägerbande an und rutscht so langsam aber sicher in die Kriminalität ab, nicht ahnend, dass ihn das zum gefeierten Volkshelden werden lässt. Marty dagegen plant, die Menschen seiner Stadt zu besseren Wesen zu machen und errichtet eine Vorschlagsbox, die die kreativen Ideen der Leute sammeln soll. Doch all seine Pläne gehen nach hinten los und führen zum tragischen Ableben seiner ganzen Familie.

Erst jetzt lernen wir Jaspers Geschichte kennen. Er wird von seinem menschenscheuen Vater zuhause unterrichtet, lernt schon als kleines Kind die Ideen Schopenhauers und Nietzsches kennen. Als Jugendlicher versucht er, sich von seinem Vater zu distanzieren, wird aber immer wieder in sein verdrehtes Leben hineingezogen. Er geht nun doch zur Schule, hat (fast) einen Freund, den er jedoch schon bald verliert, findet eine wunderschöne, leidenschaftliche Freundin, die er aufgrund ihrer Haarfarbe das Flammende Inferno nennt und die ihre Tränen in einem Glas sammelt und bricht schließlich die Schule ab, da er dort eh nichts für sein Leben lernt. Als sein Vater in seinen Depressionen zu versinken droht und in die psychiatrische Klinik eingewiesen wird, entwirft Jasper einen kuriosen Plan, um seinem Vater wieder zu geistiger Gesundheit zu verhelfen...

Klingt das alles langweilig oder banal? Nach einer simplen Familiengeschichte? Dann lest das Buch und lasst euch vom Gegenteil überzeugen! Diese Geschichte strahlt eine seltsame Faszination aus, dass man zeitweilig nur ungläubig den Kopf schütteln kann, was den Deans so alles passiert, zeitweise in Lachen ausbricht oder einen dicken Kloß im Hals verspürt. Und auch wenn Menschen sterben oder andere tragische Ereignisse über die Deans hereinbrechen, schreibt Steve Toltz so humorvoll und locker, dass man gar nicht lange trauern kann.

Trotz seiner Länge ist das Buch nie langatmig und die Charaktere sind so ungewöhnlich wie durchgeknallt. Die Deans philosophieren, sie kritisieren, sie suchen nach dem Sinn des Lebens und verändern durch ihre bloße Existenz ganz Australien. Die Handlung ist so vielschichtig, so komplex, so umfangreich, dass ein anderer Autor wohl drei Bücher daraus hätte basteln können.

Mein Fazit: Ein umwerfendes, brillantes, tragikomisches Debüt des gebürtigen Australiers Steve Toltz. Mein Lesehighlight 2010!

Vatermord und andere Familienvergnügen - Steve Toltz
Gebundene Ausgabe: 800 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (15. März 2010)
ISBN-10: 3421043892
Preis: 22,95 Euro

Willis Fazit:

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