Die dystopischen Zwölf #4 - Alles, was wir geben mussten

12:19

"Warum haben sie uns unterrichtet, ermutigt, angehalten, das alles zu produzieren? Wozu all die Bücher und Diskussionen?"

Kathy, ehemalige Schülerin im Heim Hailsham, wird in ein paar Monaten ihre Arbeit als Betreuerin aufgeben. Schon viel zu lange hat sie sich um ihre Patienten gekümmert, ihnen geholfen, sich nach ihren Operationen zu erholen. Doch langsam wird es Zeit für einen Wechsel.
Während sie über ihre Zukunft nachdenkt, erzählt sie rückblickend von ihrer Kindheit im Internat Hailsham, von ihrer Freundschaft zu Ruth und Tommy, und von den Erziehern, die den Kindern immer wieder eingeprägt haben, für sie sei eine besondere Zukunft vorgesehen. In all den Jahren des Erwachsenwerdens blieben die drei immer zusammen, auch nachdem sie das Internat verließen. So lang, bis sich irgendwann ihre Bestimmung erfüllen musste... 

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So großartig viele Jugenddystopien auch sind, mit Dystopien für ein älteres Publikum können sie in meinen Augen qualitativ einfach nicht mithalten. Das hat mir dieses Buch mehr als verdeutlicht. Das mag vor allem an Ishiguros genialem Erzähltalent liegen. Müsste ich seinen Stil in einem Wort beschreiben, wäre das ruhig. Ohne große Hektik und ohne große Gefühlsausbrüche schildert Kathy, wie sie in Hailsham aufgewachsen ist. Dabei legt der Autor Wert auf die Schilderung kleiner Alltagserlebnisse; die Kinder in Hailsham erleben trotz ihres dramatischen Schicksals, das auf sie wartet, keine sonderlich aufregenden Dinge. Für sie sind kleine Dinge wie der Tauschmarkt aufregend, bei dem jedes Kind ein selbstgemachtes Kunstwerk der anderen ertauschen kann. Oder das regelmäßige Auftauchen der mysteriösen "Madame", die immer wieder die besten Kunstwerke für ihre Galerie abholt. Aber obwohl es von der Handlung her vielleicht unspektakulär klingt, hat mich das Buch absolut in den Bann gezogen.

Von Anfang an wurde dabei immer wieder auf das Schicksal der Kinder hingedeutet. Was für mich dabei am Verwirrendsten war: alle Kinder des Heims wissen mehr oder minder bescheid, was später mit ihnen passieren soll. Wie können sie nur so ruhig bleiben?

Das gemeinsame Schicksal mag der Sinn sein, für den die Kinder geschaffen wurden, das Buch fokussiert aber eher auf das Leben, welches Kathy, Ruth und Tommy führen. Ein wenig Dramatik gibt es trotz des stillen Erzähltons, denn Ruth ist ein eher schwieriges Mädchen und konnte mich doch einige Male wütend machen mit ihrem egoistischen Verhalten, mit dem sie Kathy und Tommy mehrmals vor den Kopf stößt. Und auch zwischen Tommy und Kathy deuten sich mehr als nur freundschaftliche Gefühle an, die sie jedoch um ihrer Freundschaft Willen unterdrücken.

Was mir nach der Lektüre dieses Buches bleibt ist ein nachdenkliches, melancholisches Gefühl und die Gedanken darüber, welchen unermesslichen Wert das menschliche Leben doch hat. Ishiguro hat mit diesem stillen und feinfühligen Buch in meinen Augen eine echte Literatur-Perle geschaffen: selten, makellos und unglaublich wertvoll. 

Alles, was wir geben mussten - Kazuo Ishiguro
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: btb Verlag (6. November 2006)
ISBN-10: 3442736102
Preis: 9,99 Euro

Willis Fazit:



Du willst wissen, wie es ausgeht? Hier wird das Ende verraten (zum Lesen markieren):

Kathy und Tommy besuchen die Madame, um rauszukriegen, ob Verliebte tatsächlich einen Aufschub von den Spenden erhalten und ihre Liebe an den Bildern gemessen wird, die sie in Hailsham produziert haben. Bei der Madame treffen sie auf die ehemalige Heimleiterin, die ihnen offenbart, dass die ganzen Kunstwerke nur gesammelt wurden, weil die Heimleiterin beweisen wollte, dass die Kinder, die nichts anderes als Klone sind, eine Seele haben und ganz normale Menschen sind. Doch das Heim wurde geschlossen und ihre Bemühungen waren umsonst. Einen Aufschub gibt es nicht. So wird Kathy Tommys Pflegerin, bis er bei der Endspende stirbt. Sie selbst wird ihren Dienst Ende des Jahres aufgeben.

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6 Kommentare

  1. Werd ich mir auf jeden Fall mal auf die Merkliste packen. Fand den Film schon nicht schecht und da Bücher ja bekanntlich noch besser sind... :)

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  2. Das Buch steht schon ein wenig länger auf dem Wunschzettel, aber jetzt - nach deiner tollen Rezension - wahrscheinlich schon bald im Bücherregal. :-)

    Liebe Grüße!

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  3. Ist dieser Roman wirklich eine dystopie? er spielt nicht in der zukunft und die monarchie ist kein bestandteil der geschichte. soviel ich weiß sind das 2 wichtige merkmale einer dystopie. würde mich über eine antwort freuen gruß philipp

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    1. Hallo Philipp,

      aufgrund gewisser Aspekte in der Geschichte würde ich schon vermuten, dass sie in der Zukunft spielt (kann ich leider nicht weiter ausführen, ohne zu spoilern), auch wenn nie konkret ein Jahr genannt wird. Und soweit ich weiß, ist eine Monarchie keine Voraussetzung für eine Dystopie, sondern eher eine diktatorische Gesellschaft. Ich finde, in diesem Buch sind einige der klassischen Dystopie-Merkmale erfüllt, z.B. konstante Überwachung im Heim. Hast du das Buch schon gelesen?

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    2. ja diktatorisch hab ich ja gemeint ja ich habs schon gelesen ich geh davon aus das es in der vergangenheit spielt

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  4. Eine schöne Buchbeschreibung! Ich habe dieses Buch geliebt und es ist eines meiner Herzensbücher geworden. Ein absolutes Highlight! Nach dem Buch habe ich mir noch den Film angeschaut, der mir auch gut gefallen hat. Kennst du den Film, hat er dir gefallen?
    GlG vom monerl

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